Nachruf Josefine Attwenger
Josefine Attwenger
Orthoptistin aus Leidenschaft
Gründerin und erste Vorsitzende des Berufsverbandes
gestorben am 16. August 2025 im 92. Lebensjahr.
Frau Attwenger oder Fini, wie wir sie (später) nennen durften, ist 1974 in mein Leben getreten, und zwar als Lehr- und Cheforthoptistin in der Med.techn. Schule für den orthoptischen Dienst am LKA Salzburg, dessen 7. Jg. ich besuchte. Was für arbeitsintensive Jahre schon hinter ihr lagen, das konnten wir Schülerinnen damals nicht einschätzen.
Frau Attwenger stammte aus Laakirchen. Wie für so viele Ober-österreicherInnen wurde Salzburg auch für sie über viele Jahre Heimat. Als diplomierte Kinderkrankenschwester kam sie nach einigen Jahren Stationsarbeit in den späten 50iger Jahren in die neugegründete Sehschule und beschäftigte sich fortan mit der Problematik der Schielkinder, die damals im Schulalter zahlreich vor allem zur Behandlung hochgradiger Schielamblyopien kamen. Gemeinsam mit ihrer Schwesternkollegin Josefine Reindl, v.a. aber mit Frau Dr. Friemel eignete sie sich neben der vielen Arbeit die theoretischen und praktischen Grundlagen der Schielbehandlung an. Das hört sich nun leichter an, als es damals war. In der noch nicht vernetzten Welt war es mühevolle Kleinarbeit, sich den Zugang zu den Kenntnissen zu verschaffen, war doch in ganz Europa - mit Ausnahme von England - moderne Schielbehandlung erst im Kommen. Die Krönung ihrer autodidaktischen Ausbildung war 1961 der Erwerb des deutschen Orthoptistinnendiploms in Bonn.
In den folgenden Jahren leistete sie für den Berufsstand der Orthoptistin in Österreich wirkliche Pionierarbeit. Überzeugt von der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns und Handelns machte es sich Frau Attwenger zur Aufgabe, dieses wertvolle Wissen auch weitergeben zu können und absolvierte in England mit Hilfe eines Stipendiums des British Councils die Ausbildung zur Lehrorthoptistin. 1964 wurde in Salzburg die erste Schule für Orthoptistinnen gegründet – mit Frau Attwenger als Lehrorthoptistin. Gleichzeitig gingen die Aktivitäten hinsichtlich der staatlichen Anerkennung des Berufes mit großer Unterstützung durch Frau Dr. Friemel weiter, und endlich – im Okt. 1970 – wurde der orthoptische Dienst in die Reihe der gehobenen Med.techn. Dienste Österreichs aufgenommen.
In den folgenden Jahren gingen die entscheidenden Impulse zum Zusammenschluss der wenigen Orthoptistinnen in Österreich wiederum von Frau Attwenger aus, und so wurde 1975 der Orthoptistinnenverband Österreichs in Salzburg gegründet. 50 Jahre alt wird ihre Herzensangelegenheit dieses Jahr, sie kann es nun nicht mehr erleben.
Als Vereinsvorsitzende führte sie schließlich unseren Verband 1978 in die International Orthoptic Association und vertrat uns als Delegierte.
Mit Frau Prim. Dr. Thaller, die 1974 nach dem Tod von Frau Dr. Friemel die ärztliche Leitung übernahm, bildete Fini bis zu ihrer Pensionierung ein exzellentes orthoptisch-strabologisches Gespann, das immer die PatientInnen in den Mittelpunkt stellte. Hohes Fachwissen, Engagement, Kollegialität aber auch persönliche Bescheidenheit zeichneten diesen außerordentlichen Menschen aus.
1990 legte sie die Lehrfunktion in meine Hände und ging nach dem Examen 1991 in Pension, in der sie in ihre alte Heimat Laakirchen zurückkehrte.
Für mich persönlich ist Frau Attwenger als meine Lehrerin und Mentorin ein Vorbild darin, wie man erfolgreich, geradlinig und menschlich seinen Weg geht.
Und was mir deutlicher denn je bewusst geworden ist, das ist Hochachtung vor ihr als Mensch, als Orthoptistin und vor ihrem Lebenswerk. In diesem Sinne: Danke Fini!
Christine Scharinger

